2010
07.13

Der Kirchturm schlägt bereits 21:00 Uhr. Die ganze Stadt St.Gallen ist mehr oder weniger menschenleer. Der Himmel ist soeben eingebrochen und es regnet in Strömen. Mein Polo Shirt ist langsam total durchnässt. Es wird kalt. Im Maul dieser Geschmack nach l’oréal- Haargel. Ich frage mich wirklich, was ich bei diesen Bedingungen noch in der Stadt mache.

Mitten in der Stadt werde ich plötzlich von einem Herren um die 45 Jahre angesprochen. Schon am Nachmittag ist er mir aufgefallen. Relativ ungepflegt, schon lange nicht mehr rasiert und mit einem Rollkoffer stand er dort mitten in der Spisergasse. Erstmals verstehe ich kein Wort, was er sagt. Auf jedenfall klingt es nicht danach, dass er gerne Münz von mir hätte. So beschliess ich, mich mal kurz zu ihm in den trockenen Durchgang zu begeben.

Natürlich habe ich mir gedacht, dass er gerne eine Information über etwas will. Doch bevor ich die richtige Sprache gefunden habe, um mich mit ihm zu verständigen, sind wir schon mitten im Gespräch. Er spreche Englisch, Französisch und Italienisch. Immer wieder versuche ich ihn zu erfahren, was er denn gerne wissen möchte, oder was er hier macht. Doch er weiss es selber nicht.

Mir ist nun klar, dass er mich von Anfang an eigentlich nichts fragen wollte. Er wollte einfach ein wenig schwatzen. Mir macht es nichts, ich habe Zeit und Ferien. Ich beschliesse mich mit ihm weiter zu unterhalten, solange er nicht unangenehm wird. Eigentlich finde ich ihn recht sympathisch und würde gerne mehr darüber erfahren, was er denn genau hier macht.

Irgendwann erzählt er, dass er Designer ist und gerade aus Agypten kommt. Auf die Frage hin, was er suche, antwortet er: “a job, a home and love”. Scheint sinnvoll. Sein ganzes Vermögen: dieser Koffer. Und in diesem Moment wirkt die Nacht für einen Obdachlosen gerade etwas unangenehm.

Doch irgendwann muss die Frage nach dem Geld ja kommen. Ich denke dabei eigentlich eher an einige Franken. Doch wie ich nachher erfahre, braucht er etwas mehr. Etwas unangenehm wird es mir schon, als ich mein Portemonnaie hervorholen muss. Eigentlich habe ich ihm gesagt, dass ich kein Geld habe. Aber so ganz unfreundlich will ich ja nicht sein. Und da sich in meinem Portemonnaie ausserordentlich viel Kleingeld befindet, muss ich eine gute Ausrede erfinden.

Schliesslich teil  ich ihm mit, dass ich nur noch Forint, die ungarische Währung, habe. Der Herr findet dies überaus lustig, da wir momentan ja offenbar beide gleich arm sind. Schliesslich gebe ich ihm meine letzten Forints, etwa 50, was dem Wert von etwa 25 Rappen entspricht. Darauf hin holt er auch seine Brieftasche hervor und gibt mir einen Pound aus Agypten, mit der Anmerkung: “Dafür bekommst du zehn Kaffees und ich mit deiner ausländischen Währung nicht mal einen einzigen”. Egal ob es etwas Wahres an sich hat oder nicht, so will ich nicht sein und drücke ihm noch zwei Franken in die Hand.

Nach weiterer Unterhaltung fragt er mich, ob ich in einem Haus wohne. Langsam befürchte ich, dass er sich einen Schlafplatz erhofft. Als er dann noch erwähnt, dass er 500€ braucht und mir die garantiert wieder zurückzahlen wird, verabschiede ich mich freundlich von ihm.

Eine seltsame Bekanntschaft und ein Grund mehr, nicht Designer zu werden ;).

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4 comments so far

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  1. Bloß gut, dass du nicht auf die Masche hineingefallen bist!

  2. Naja, ob er mich wirklich reinlegen wollte ist eine andere Frage. Natürlich hätte er mir das Geld nie zurückgegeben. Doch böse Absichten habe ich hinter dem Gespräch nicht beobachtet.

    Und ich glaube ich würde mir in so einer Situation auch jemanden zum schwatzen suchen ;).

  3. Wow, spannende Erfahrung. Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen… Zwischen echter Not und Betrugsversuch, zwischen Ehrlichkeit und Halbwahrheiten.
    Der Text ist gut. Willst du ihn ein bisschen “aufmotzen” und auf Tink.ch publizieren? :-D

  4. Danke. Ich frage mich, ob wir z.B. in Agypten genau so gut überleben könnten. Auf jedenfall hat er Glück gehabt in der Schweiz zu landen ;).